Ein paar (Aus-)Blicke aus Israel

Der Nahost-Konflikt ist vielfältig und facettenreich, durch die Vergangenheit beladen und Zukunfts-geschwängert – wer hätte das gedacht.
Neue Perspektiven vereinfachen keineswegs die Komplexität des Nahost-Konfliktes, vielmehr wird sie gerade dadurch erst wirklich deutlich. Wer vor der Delegation eine Meinung hatte, könnte sie inzwischen geändert haben, wer sich nicht traute, eine Meinung einzunehmen, wird sich das jetzt vielleicht noch weniger trauen. Was passiert hier eigentlich und warum? Wer ist hier Opfer? Wer ist hier Täter? Wer ist Schuld und wer ist vielleicht sogar daran interessiert, Spannungen, Konflikt und Krieg aufrecht zu erhalten hier – im Geburtskanal der Weltreligionen? Die Mauer, die Bethlehem von Jerusalem trennt – die zwei Städte sind keine 600m auseinander -wurde errichtet, damit von palästinensischer Seite nicht aus den Häusern in die andere Siedlung geschossen werden kann.

Mauer_Zaun_Grabeskirche

Wir stehen auf einer Anhöhe in Jerusalem und staunen, wie nah die Geburtskirche, die Grabeskirche, die heiligsten Heiligtümer der 3 monotheistischen Weltreligionen beieinander liegen und lassen uns durch einen Colonel der israelischen Armee und Friedenskämpfer über seine Einschätzungen des Konfliktes aufklären. „Seit der Errichtung der Sperranlagen – der Mauer und des Sicherheitszaunes, rund um die israelischen Siedlungen – geht die Rate der Selbstmordattentäter gegen Null. Während der Intifada, die zwischen 2001 und 2005 die israelische Bevölkerung in Angst versetzt hat, sich überhaupt in Menschenmengen zu bewegen, ihre Kinder in Schulbusse zu bringen, sich gemütlich in ein Cafe zu setzen oder gar einkaufen zu gehen, sind einige Tausend Menschen gestorben“, erzählt er. Der Zaun ist elektronisch, nicht elektrisch und meldet in der Zentrale – in der ausschließlich weibliche Soldaten sitzen, weil sie wegen Konzentration, Multitasking und Ausdauer besser für diesen Job geeignet sind – wenn jemand darüber klettert oder den Zaun durchschneidet. Durch den erdigen Sicherheitsstreifen können Beduinische Fährtenleser erkennen, wie viele es waren „In 3 Minuten ist jemand da oben auf dem Hügel und kann die Autos, die dort auf der Straße fahren, beschießen, in 5 Minuten könnte er dort in der Siedlung sein und Geiseln nehmen. In 15 Minuten wäre er in der Innenstadt und kann als Selbstmordattentäter in die Luft fliegen und 100 unschuldige Menschen umbringen. Hier geht es um nichts, außer um Zeit.“
Die Angst um das eigene Leben, das der Liebsten, das Bedürfnis, in Ruhe leben zu dürfen, einen Platz auf der Welt zu haben, an dem man sein kann, von dem man nicht wieder verjagt wird oder gar in ein Konzentrationslager gesteckt wird und am Ende wegen seinem Aussehen oder gar religiösen Wurzeln Genozid erleidet, werden hier erschreckend fühlbar – menschliche Bedürfnisse in einem sehr sonnigen Umfeld.

Wir waren gestern in zwei Museen auf dem Weg nach Tel Aviv– das Kindermuseum und das Ghetto Fighter Museum. Ein Erleben des Holocaust aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven – wie haben es die jüdischen Kinder erlebt: von Nazis verfolgt, in die Ghettos transportiert, von dort in die Konzentrationslager und den sicheren Tod geführt zu werden? Tagebucheinträge als Hörspiele in einem simulierten Gang durch ein düsteres Ghetto in einer Spirale der Ungewissheit, Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit. Für israelische Kinder aufbereitet. Das Ghetto-Fighter Museum spiegelt den Widerstand, die Kraft, das nicht unter kriegen lassen in einer aussichtslosen Situation wider. Die meisten Widerstandskämpfer wurden hingerichtet, teils öffentlich gehängt, erschossen oder wie viele andere in den Konzentrationslagern demütigend getötet. Wir sehen hier verschiedene Schulklassen, illegale migrierte Arbeitergruppen und eine ganze Menge Polizisten in ihrer Ausbildung mit Uniform und Waffe parallel zu uns durch dieses Museum laufen: „Alle bekommen dieselbe Bildung.“, erzählt uns unser Guide stolz.
Neue Perspektiven für uns und die Erkenntnis der Erinnerungskultur in Israel – das kollektive Gedächtnis: „Wir kriegen hier den Holocaust in der Schule von oben bis unten, hinten, bis vorne, durchdringend und umfassend in jedem Schuljahr beigebracht“, sagt mir unsere jüdische Organisatorin, während der Busfahrt. „So etwas darf uns nie wieder passieren. Es konnte nur passieren, weil wir nirgendwo hin konnten. Es gab keinen Platz auf der Welt – wir sind von Polen nach Russland, von Tschechien, nach Ungarn, nach Österreich, in die Schweiz und am Ende doch wieder nach Deutschland ausgeliefert worden.“

Falafel

In Ruhe Leben – wie eine Mischung aus Barcelona und New York erscheint Tel Aviv, anders als das von Touristen überfüllte Jerusalem, bzw. das multi-religiöse, multi-kulti Innenstadt-Viertel, das wir kennen lernen konnten. Hier verkaufen Muslims gekreuzigte Jesus-Figuren, Weihrauch und jüdische Kerzenständer neben Arafat-Tüchern und Strampelanzügen auf denen steht: „Someone who loves me, was in Jerusalem“. Ultra-orthodoxe 10 jährige Jungengruppen mit Ringellöckchen neben einem Käppi rennen durch 3000 Jahre alte Gemäuer. Im Gegensatz dazu Tel Aviv: Das Nachtleben, die Leuchtreklame, die Menschen auf der Straße, das warme, milde Klima, europäisch südländisch und doch hat es ein amerikanisches Flair von: ‚Es gilt jetzt zu leben. Was interessiert mich denn morgen?‘

„Wenn ich zwischen Selbstmordattentätern und Bomben aus Gaza wählen könnte, würde ich Bomben nehmen, da gibt es zumindest ein Warnsystem und wir können in die Bunker gehen. In denen spielen sich lustige Situationen ab,“ erzählt unsere Organisatorin lachend, „manchmal stehen da Frauen mit Handtüchern, wenn sie gerade aus der Dusche kommen und tippen auf ihren Smartphones rum, wie das Wetter morgen wird. An die Bombenwarnungen hat man sich inzwischen wirklich gewöhnt. Das Leben geht weiter, wir integrieren das in den Alltag und schauen uns eben um nach Bunkern auf dem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad. Wir haben ja zum Glück das Raketenabwehrsystem, den Iron Dome.“

Wir holen uns eine Falafel – ich glaube, die beste weltweit – und setzen uns in das Getummel. Es ist nichts spürbar von dem Konflikt, wir fühlen uns sicher und doch ist er omnipräsent.

In einer deutschen NGO lassen wir uns über die Friedensbemühungen Deutschlands aufklären – 30 Friedenshelfer sind allein von dieser NGO in Israel stationiert. Jerusalem hat die höchste NGO Dichte weltweit – die ‚Peace-Industry.‘ Wir blicken von der NGO auf eine wunderschöne Kulisse über Jerusalem und diskutieren 3 Stunden mit der Entsendeten. „Nach dem Oslo Abkommen schien es so hoffnungsvoll und die Lösung des Konfliktes so nahe, aber seit ca. 10 Jahren gibt es so wenig Kommunikation, wie nie zuvor zwischen der israelischen und palästinensischen Bevölkerung. Rechtsdruck in Israel: durch die Stadt laufende Jugendliche mit Parolen: Wir wollen Araber kloppen“.

Wir genießen den Blick über die gelblich weiße Stadt. Die Muezzins beginnen zu singen und die Stadt wird von einem Raunen durchdrungen. Die Sonne geht unter über Jerusalem und die goldene Kuppel der großen Moschee wirkt noch goldener. Ein paar Lichtquellen leuchten uns entgegen in der sanften, warmen Dämmerung.

Jerusalem

Kibuz-Leben, Golan-Höhen und Schwimmen im See Genezareth

Langsam geht die Sonne unter über dem See Genezareth, wir duschen uns nach der Frisbee-Session im 28 Grad warmen, seichten Wasser. Man soll wohl nicht zu weit rein, sonst erwischen einen die Strömungen. Wir haben viel gesehen, viel gelernt heute. Intensive Eindrücke über eine neue Kibbutz-Bewegung, die Golanhöhen und den See Genezareth im Sonnenuntergang.

Ori und so

Die Bildungskommune der Educational Kibbutz Ravid gilt als erfolgreiches Modell nachdem der traditionell sozialistische Kibbutz, auf dem der israelische Nationalstaat einst aufbaute, durch kapitalistische Strömungen ideell scheiterte. Die Bewegung DROR enthält traditionelle Werte, ebenso wie moderne Arbeitsteilung. Das Leben im Kibbutz basiert auf geteilter Ökonomie, Plantagen von Mangos und Litschis, gemeinsamen Arbeiten, Vorbereitungskursen für Jugendliche nach der Berufsschule und vor dem Militär. Warum gehen Junge Leute überhaupt zu einem preeducational military training ins Kibbutz, fragten wir nach. „Damit ich eine höhere Position im Militär einnehmen kann“ sagt uns eine Siebzehnjährige – wir staunen. „Ich war immer Papas Liebling. Hier musste ich mir erst angewöhnen, mit anderen gemeinsam zu entscheiden und nicht der Nabel der Welt zu sein.“ Fragezeichen in den Gesichtern der deutschen Kriegsdienstverweigerer unter uns. Wir lassen uns abschließend durch die kooperative Mangoplantage führen und finden uns schließlich in dem Klassenzimmer wieder, in dem wir starteten. Wir geben uns Mühe die Ökonomie und die Entscheidungsfindungsprozesse zu verstehen, auf denen die neue Kibbutzbewegung beruht. Der 31-jährige David erzählt von den Konsensprinzipien in Kleingruppen, der Verantwortung, die jeder Einzelne trägt und der entbehrungsreiche Leben, Car Sharing Systemen und gemeinsamer Ökonomie. Auch können Menschen Teil der Bewegung bleiben, die nicht mehr im Kibbutz, sondern in den Städten wie Tel Aviv oder Jerusalem leben. Wir staunen und diskutieren während wir uns das leckere, bunte, vielfältige Mittagessen mit Kuskus, Reis, Schnitzel, diversen Salaten, Humus und vielen anderen Soßen rein schaufeln.

Weiter geht die Reise mit und ohne Raucherpausen – auf die Golanhöhen. Kurz überlegen wir, ob wir das wirklich machen wollen nach all den Unruhen der vergangenen Wochen. Wir sind hoch gefahren. Dinosaurier aus Panzerteilen und andere Figuren mit offenen Mündern brüllen uns schweigend an – ein Künstler aus Jerusalem stellt aus. Ein paar UN-Blauhelm-Soldaten halten Ausschau Richtung syrische Grenze. Sie sind abgezogen worden aus der Pufferzone zwischen Israel und Syrien, als es brenzlig wurde. Ori erzählt über die Konflikte zwischen Libanon, Syrien und Israel – alles Nachbarstaaten auf Sichtweite. Plötzlich Kanonenschläge hinter uns – Ori lacht – „Bauarbeiten, die machen eine Übung, Straßensprengungen“ noch ein paar weitere Mutmaßungen – es knallt noch ein paar Mal. Ein UN-Bus wird von den Männern mit Blauer Mütze weg geschoben. Batterie alle. Sehr effektiv die Herren, denken wir und spötteln. Später hören wir Donner und Gewitter auf syrischer Seite – „das war nun der Krieg. Wenn das näher käme, könntet ihr Angst haben.“ Wir laufen durch die Bunkergänge des israelischen Militärs. Mulmige Gefühle, als wir durch die Schießscharte schauen und wieder Donnern auf syrischer Seite. So nah dem Krieg wir sind – er bleibt unfassbar.

Golan

Wir fahren zurück, die Sonne wird golden und wir haben noch Zeit vor dem Abendessen in dem See Genezareth schwimmen zu gehen – von unserer Jugendherberge blicken wir darauf, umgeben von einer wunderschönen Landschaft. Hier hat also Jesus die Fische und das Brot vermehrt, die Bergpredigt gehalten, Wasser zu Wein verwandelt und ist darüber gelaufen… „Fische vermehren“, sagt Max, „was ist denn das für ein Wunder? Schau mal, ich kann auch Karnickel vermehren: gebt mir ein Männchen und ein Weibchen“. Die Frisbee fliegt nicht immer wo sie hin soll, wir schieben die Schuld auf den Wind. Trotz aufkommender Brise, ist der See ruhig und warm. So dass wir bis zum Sonnenuntergang bleiben.

see

Aufgezeichnet von Anne. Bilder von Melanie und Stefan. Mit Kommentaren von Max und Marc.

Jalla!

Los geht das!

Jetzt sind wir also gelandet – im Heiligen Land. Bisher haben wir vor allem Passkontrollen, Sicherheitskräfte und den Flughafen kennen gelernt, da Ibrahim, libanesische Wurzeln, durch die verschärften Sicherheitskontrollen einige Stunden fest saß. Warum?

coloured group

Die Geschichte ging so los: Auf dem halben Weg vom Flugzeug zur Passkontrolle, als wir gerade bei einem der Security-Mitarbeiter durch unseren schnellen Schritt so flott vorbei laufen konnten, dass er es nicht geschafft hat, unseren einzigen Araber in der Gruppe raus zu fischen, fällt Ibrahim auf: „Oh ich habe glaub ich meinen Pass im Flugzeug vergessen“. Kommando Halt. Ibrahim rennt zurück ins Flugzeug, wir stellen uns schon auf enorm lange Wartezeiten ein, sind uns sicher, dass er spätestens jetzt rausgefischt wird und stellen unsere Rucksäcke ab. Aber nein. Nur 5 Minuten später kommt er mit dem Pass in der Hand freudig wedelnd wieder angerannt und wir können starten. Ab durch die Passkontrolle, wo er aber hier – wohl auffallend durch Videoaufzeichnungen: Rennender arabisch aussehender Typ zwischen Flugzeug und Passkontrollhalle – endlich raus gezogen wird:

IBRAHIM: Ich musste für ca. 3 Stunden zur Passkontrolle. Das Interview war mir sehr unangenehm. Mir sind Fragen gestellt worden wie: Hast du Kontakte in den Libanon? Was macht ihr in Israel? Warum fliegt ihr nach Israel? Hast du Verwandte oder Freunde in Israel? Was macht ihr in Israel? Was ist der DGB? Was macht ihr in Israel? Warum engagierst du dich beim DGB? Was macht ihr in Israel? Ich habe alle Fragen ehrlich und korrekt beantwortet. Nach dem Interview war ich ganz schön überwältigt; ich hatte die gesamte Zeit weder was getrunken noch was gegessen. Ein großer Dank geht an die Gruppe, die trotz der langen Zeit, ganz geduldig geblieben ist.

In der Zwischenzeit:

MARC: In Frankfurt wurde mir in einem persönlichen Gespräch mit der Security mitgeteilt, dass es Probleme mit meinem elektrischen Rasierer gab. Das Gerät müsste in einer separaten Box mitreisen. In Tel Aviv könnte ich die Box einfach am Koffer-Band unter gegebener Identifikationsnummer wiederfinden. Während Ibrahim Fragen beantworten durfte, warum er etwa nach Israel möchte, war ich auf der Suche nach meinem Rasierer. Nach gut einer Stunde, drei verschiedenen Bändern und vier Informationsständen habe ich die Suche schließlich aufgegeben.

Wir sitzen im Tourbus mit W-LAN und düsen Richtung Abendessen und Jugendherberge in Tiberias am See Genezareth. Nach dem frühen Aufstehen so gegen 4:30 und der Fahrt von Düsseldorf nach Frankfurt um 5-8:00 sind wir etwas erschöpft.

Tiberias

Erste Eindrücke in Tiberias: hebräische Musik, Marktplatz, Lichter, frisches Essen, typische Touristände, an langen Tischen sitzend auf Fladenbrot, Humus, Fisch und andere Leckereien direkt mit Ausblick auf den See wartend. Tot lecker, tot müde.

Aufgezeichnet von Anne, Ibrahim und Marc. Bilder von Melanie. Kommentare von Stefan und Dennis.

Delegation nach Israel

Vom 14.-23.9.2014 ist eine Gruppe junger Gewerkschafter_innen aus NRW zu Gast beim israelischen Gewerkschaftsverband, der Histadrut. Wir besuchen unsere Freundinnen und Freunde, diskutieren über Erinnern und Gedenken, Arbeit und Soziales, Politik und die Entwicklungen im Nahostkonflikt.
Seit 1974 gibt es eine formelle Partnerschaftsvereinbarung zwischen dem DGB NRW und der Histadrut Tel Aviv-Yafo. Wir feiern also dieses Jahr den 40. Jahrestag unserer Freundschaft. Aber eigentlich gehen die Beziehungen auf das Jahr 1961 zurück. Damals reiste eine Gruppe der Gewerkschaftsjugend aus Solingen und Remscheid nach Israel. Für sie stand nach der Shoa das „Nie wieder!“ im Vordergrund, und zugleich waren sie fasziniert von der Histadrut – zu dieser Zeit nicht nur Gewerkschaft, sondern auch Kultur- und Sportorganisation, Eigentümerin vieler gemeinwirtschaftlicher Betriebe und damit auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Zugleich war sie, 1920 gegründet, die Keimzelle des Staates Israel.
Im August war schon eine Fachkräftedelegation aus der Region Tel Aviv zu Gast bei uns in NRW, jetzt geht’s für uns bald los nach Israel.

Gesehen vor einem Café in Haifa (2013)




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